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Michaela Kleiser und Tanja Würz hielten dieses Jahr vor zahlreichen Besuchern die Gedenkansprache anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag. Die Idee, an diesem Tag auch einmal der Jugend das Wort zu geben, entstand im evangelischen Religionskurs der zwölften Klasse. Gemeinsam mit ihrem Lehrer, Pfarrer Lutz Bauer, recherchierten die Schülerinnen und Schüler zum Thema und entwickelten und erarbeiteten die Rede. Bürgermeister Herdner griff die Anregung gerne auf und bot den Schülerinnen dann auch die Gelegenheit am Volkstrauertag. Eindrucksvoll vermittelten die beiden Zwölftklässlerinnen die wesentliche Botschaft, dass nur die Generationen gemeinsam etwas erreichen können, nämlich zum einen, dass die Gräuel des Krieges nicht vergessen werden, vor allem aber, dass nur gemeinsam dauerhafter Friede möglich wird. Die ganze Rede finden Sie hier.

 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Besucher dieser Gedenkstunde, es ist etwas ganz Besonderes, wenn junge Leute an einem Tag wie heute eine Rede halten, ja halten dürfen. Wir möchten deshalb dem Bürgermeister zu Beginn für das uns entgegengebrachte Vertrauen danken. Auch dem Rest unseres evangelischen Religionskurses möchten wir danken. Vieles von dem, was in der Rede zur Sprache kommt, ist in gemeinsamen Gesprächen und Recherche entstanden. Dabei hat natürlich auch der Pfarrer Lutz Bauer ein großes Dankschön verdient, der uns erst ermöglicht hat, hier zu sprechen und uns als Lehrer auch tatkräftig unterstützte. Da wir nun keine geübten Redner sind, hoffen wir, dass sie nachsichtig mit uns sein werden, wenn ein paar Sätze nicht so brillant geschliffen sind, wie sie hätten sein können. Wenn Jugendliche über den Krieg reden, wird das schnell zu einem Herunterspulen von Fakten. Wir wissen nur das, was unser Geschichtslehrer und vielleicht noch der ein oder andere Dokumentarfilm darüber erzählt hat. Deshalb haben wir uns dagegen entschieden, näher auf die beiden Weltkriege einzugehen. Wir können schlecht von etwas sprechen, dass Sie, liebe Anwesende, so viel besser verstehen, als wir. Und doch, geht es am Volkstrauertag auch um ein bedeutendes Element, dass jeder nachvollziehen kann. Einen Angehörigen, sei es Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, Onkel, Tante, Großvater oder Großmutter zu verlieren, das ist etwas, was uns alle betrifft, etwas, das jeden treffen kann. Jeder einzelne von uns hat Erfahrung damit gesammelt, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr da ist. Im Deutschen gibt es den Begriff „aus dem Leben scheiden“ – das trifft das Gefühl der Angehörigen oft am besten. Denn egal, wie alt jemand ist, wenn er stirbt, für die Hinterbliebenen immer irgendwie zu früh. Es gibt immer noch Dinge, die man gerne zusammengemacht hätte, die man gerne gefragt hätte.

Als ich bei der Beerdigung meiner Großmutter in der ersten Bank saß, war das sehr schlimm. Ich sah, dass meine Mutter, meine Tanten und Cousinen anfingen zu weinen und ich weinte auch. Ich habe meine Oma sehr lieb gehabt – und ich vermisse sie sehr. Jemand sagte damals zu mir: „Es ist bestimmt angenehmer für sie, dass Sie jetzt gehen durfte.“ Trotzdem hatte ich als Enkel das Gefühl, dass mir nicht genug Zeit mit ihr geblieben ist. Und als dann der Pfarrer ihren Lebenslauf vortrug, musste ich feststellen, wie wenig ich eigentlich von meiner Oma gewusst habe. Natürlich haben wir als Familie sie oft besucht, besonders, als ich noch kleiner war. Aber ich bin nie dazu gekommen ihr die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Ich habe es versäumt, aus den Erfahrungen und Einsichten zu lernen, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Es ist eine unangenehme doch notwendige Erkenntnis, dass wir es viel zu oft versäumen, die Generation vor uns um Rat zu fragen. Gerade für junge Menschen sei dies eine Mahnung, es ist wichtig, wenn auch nicht immer einfach, sich auch mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es ist ja nicht so, dass wir unabhängig von unseren Vorfahren leben. Nein, wir sind viel mehr ein kleiner Teil der großen Menschheitsgeschichte – nicht wichtiger, als alles was vorher war, denn ohne unsere Vergangenheit, wäre wir wohl heute nicht hier. Man könnte auch sagen: Wir haben den Staffelstab der Verantwortung für diese Welt übernommen.

Denn wir können Einfluss nehmen, auf das was kommt. Das ist sicher, denn mit jedem Tag, an dem wir leben, atmen, arbeiten stellen wir bewusst oder unbewusst die Weichen für einen weiteren Tag, einen weiteren Monat, ein weiteres Jahr und für das weitere Leben. „Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Jede Generation ist aufgefordert, etwas Neues anzugehen. Muss sie dazu aber nicht das Alte erst einmal kennen und hinter sich lassen? „Nie wieder Krieg“, ist eine viel proklamierte Parole. Doch Fakt ist, dass jemand der die Anzeichen eines drohenden Krieges nicht zu erkennen vermag, niemals eingreifen könnte, wenn noch etwas zu retten wäre. Gerade in diesen Tagen, in denen IS-Milizen beginnen im Nahen Osten immer mehr Gebiete in ihre Gewalt zu bringen, in denen wieder verstärkt

auch von Anschlägen in Israel und Palästina berichtet wird, ist der Krieg so präsent wie nie. Und die Krim-Krise im vergangenen halben Jahr, sowie die immer noch bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Ukraine lösen in vielen Menschen die Angst vor einem Krieg auf eigenem, europäischem Boden aus. Gerade in solch unsicheren Zeiten ist es wichtig, dass die Generationen zusammenstehen und gemeinsam für Frieden und Sicherheit arbeiten. Die Älteren steuern dabei ihr Wissen und ihre Erfahrung bei, die Jüngeren bringen sich mit ihrem Tatendrang und der Motivation ein.

Doch bald könnte es für einen solchen Austausch zu spät sein: Denn nicht nur ist der Beginn des 1. Weltkriegs in diesem Jahr bereits 100 Jahre her, auch der Beginn des 2. Weltkrieges liegt bereits 75 Jahre zurück. Zeitzeugen des ersten Weltkrieges gibt es nur noch ganz wenige und auch die, die sich an den zweiten Weltkrieg erinnern, werden immer älter. Es ist höchste Zeit für die junge Generation, sich mit dem Wissen und der Erfahrung der Älteren zu befassen. Der Austausch zwischen Jung und Alt, die Weitergabe von Erfahrungen und Einsichten, die guten Ratschläge, die helfen, frühere Fehler zu vermeiden, das sind die Dinge, die eine Gesellschaft positiv prägen. Deshalb ist es wichtig, dass die Generationen miteinander in Kontakt bleiben, auch über die Familie hinaus. Es braucht Orte, an denen junge und ältere Menschen zusammenkommen können. Und es ist unser aller Aufgabe, diese Orte der Begegnung und des Austausches zu schaffen und bereits vorhandene zum aktiven Austausch zu nutzen. Generationendialog im Dienste einer besseren und hoffentlich auch friedlicheren Gesellschaft.

 

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